9/19/2013

Sozialdemokratie und postnazistischer Wahlkampf - Zwischen Türken und Tücken

oder: eine Notiz zum blau-roten TV-Duell

Dienstag Abends bestätigte der amtierende Bundeskanzler Werner Faymann erneut die politische Ausrichtung seiner Sozialdemokratischen Partei, die seit 2007 den österreichischen Bundeskanzler stellt:
Er setzte sich für die europaweite Einführung der Finanztransaktionssteuer und für österreichweite Gesamtschulen ein - und betrieb Appeasement gegenüber ordinärem Rassismus.

Es begann alles mit einer Erwähnung Heinz-Christian Straches, die abscheulicher nicht hätte sein können.
Strache empörte sich darüber, dass Faymann im zehnten Gemeindebezirk Wiens angeblich türkische Wahlplakate aufhängen ließ und versuchte die SPÖ so als "Lobby" der türkischsprachigen Community darzustellen, die heimlich einen Bevölkerungsaustausch plane und Staatsbürgerschaftsreformen in erster Linie deswegen durchführen wollen würde, weil man sich auf diese Art und Weise die absolute Mehrheit sichern könne.
Nun hätte Faymann dieser rassistischen Empörung einen Riegel vorschieben können - also das, was vermutlich ein schwindender Teil der roten Stammwählerschaft von ihm erwartet hätte.

Aber was tat Faymann? Er stellte hysterisch schreiend klar, dass die SPÖ niemals türkischsprachige Plakate aufhängen würde, anstatt darauf hinzuweisen, dass dies längst europäischer Standard ist; dass mehrsprachige Wahlplakate weder in den USA, noch in Frankreich und nicht einmal mehr in Deutschland Menschen zur Weißglut treiben würden und dass daran nichts Falsches zu sehen sei.
So machte er sich zum Komplizen einer Weltanschauung, die man in Reihen der SPÖ wahlpolitisch instrumentalisiert, wenn nicht sogar insgeheim goutiert.

Der österreichische Wahlkampf provozierte bereits einige Positionierungen und Stellungnahmen der Sozialdemokratie, die nicht bloß das Appeasement gegenüber der freiheitlichen Menschenhatz widerspiegelte, sondern auch die geschickte Instrumentalisierung des rassistischen Furors aufzeigte.
Die Orts-SPÖ in Melk versuchte aufgebrachte, besorgte Wähler damit zu beschwichtigen, dass man in den letzten 2 Jahren keine Gemeindebauwohnungen an "Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft" vergeben hätte.
Und tatsächlich klang der versendete Aufklärungsbrief, der an die Bewohner der sehr viel mehr nicht nur nach dem Wunsch nach der Rationalisierung des Ausländerhasses, sondern eben auch nach einer (folgerichtigen) Bejahung dieses Gedankengutes: Da man das Faktum akzeptiert, dass sich Menschen legitimerweise von einem "migrantischen Verdrängungsprozess" bedroht fühlen, schrieb man sinngemäß bloß: "Keine Angst, wir haben eh keine reingelassen."

Dieser Brief - und ähnliche, bereits angewandte Methoden dieser politischen Kommunikation legitimieren die Angst vor Überfremdung, indem sie den Wahn und die irrationale Angst vor einer "kulturellen Verdrängung" oder eines "Bevölkerungsaustausches" als legitime Basis für ein Gespräch mit politischen Subjekten macht.
Ein Charakteristikum der postnazistischen Gesellschaft in Österreich besteht eben auch darin, dass die zwangsdemokratisierten Nazis, wie sie nicht nur in der FPÖ zu Hauf integriert wurden, nicht als solche bezeichnet werden, sondern als "nationales" oder "drittes" Lager neben dem sozialdemokratischen und konservativen zum integralen Bestand der Zweiten Republik zählen. (*)
Eine Kooperation mit diesem "dritten Lager" stellt daher stets eine Option dar. Zur exemplarischen Illustration: In den 1970er und 80er Jahren schloss der sozialdemokratische Kanzler Bruno Kreisky einen Pakt mit dem ehemaligen SS-Obersturmführer Friedrich Peter von der FPÖ.

Es ist das Gegenteil antifaschistischer Aufklärungsarbeit, wie man sie sich bei der SPÖ immernoch gerne herbeihalluziniert. Es ist vielmehr das gelebte Appeasement gegenüber einer Menschenhatz, die augenscheinlich nicht nur politisches Kalkül ist, wenngleich bereits bei der letzten Wahl ca. 150.000 Wähler zur FPÖ überliefen:
So drohte der ehemalige SPÖ-Gemeinderat Alois Lackner, jugendlichen Afghanen, die aufgrund der Traumatisierung von Krieg und Tugendterror der Taliban in ihrer Heimat eine betreute Wohneinrichtung des Don-Bosco-Flüchtlingswerks in Anspruch nehmen wollten, „einen Sarg vor die Tür zu stellen, sollten sie in den Ort kommen.“

Ebenfalls erwähnenswert war der Hinweis des FPÖ-Spitzenkandidaten HC Strache, dass der auf der SPÖ-Bundesliste kandidierende Resul Ekrem Gönültas der islamischen Milli-Görüs-Bewegung zuzuordnen sei.

Was tat Faymann? Er verwies auf die ständige Faktenhuberei der FPÖ.
Hier: Zu Unrecht, da Strache ausnahmsweise Recht behalten sollte. Resul Ekrem ist tatsächlich eben nicht nur seit längerem innerhalb des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbands (SWV) aktiv, sondern leitet auch das islamischkonforme Wiener Restaurant "Tulpe", in dem vermutlich noch nie eine unverschleierte Frau gesichtet wurde.

Faymann hätte einlenken und Stellung beziehen können, dass die SPÖ einem Flirt mit dem politischen Islam noch nie abgeneigt gewesen sei - man denke nur an Omar Al-Rawi, der bei der Demonstration gegen den israelischen Einsatz auf der antisemitischen Gazaflotilla Gastredner spielen durfte - und dass dies ein Problem sei, an dem man arbeiten müsse.
Wer türkische Faschisten der Milli-Görüs und Anhänger der Muslimbrüderschaft zu seinen Komplizen erklärt, aber Angst vor Mehrsprachigkeit auf Wahlplakaten hat und von Diversität im gesellschaftlichen Alltag nichts wissen möchte, der ist nichts anderes als eine modernisierte Version des modernen Rassisten, der seinen Migranten am Liebsten kultureigen hat - und zwar als abgeschottetes Individuum innerhalb seines eigenen, authentischen Kulturkreises.

Es scheint sich mit dem Verhältnis der Sozialdemokratie zum barbarischen Potenzial des Islamismus ebenfalls so zu verhalten, wie der grüne Gemeinderat Senol Akkilic Werner Faymanns Reaktion auf die türkischen Wahlplakate gestern Abend noch beschrieb:

"Das was Faymann mit seinen türkischsprachigen Plakaten und Kandidaten betrieben hat ist nichts anderes als Kindesweglegung. Er kennt sie nicht, er weiß nichts."


Link zum Fernsehduell:
http://tvthek.orf.at/programs/6587147-Wahl-13--Konfrontation


*siehe auch: http://www.cafecritique.priv.at/Rosenkranz.html

Kommentare:

  1. Och, Herr Kirsch. Es ist doch billig uralte Selbstverständlichkeiten irgendwo abzuschreiben und als eigene Erkenntnis und Recherche ins Internet zu stellen, nur weil das linke Milieu, in dem sie vor sich hinstümpern, es an Bildung und Erfahrung mangeln lässt. Ich empfehle Lektüre über die Entstehung der "Dritte(n) Republik" (Haider), die unter dem vorauseilendem Gehorsam von SPÖ und ÖVP entstanden ist.

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    1. Sehr geehrter Anonymer,
      Wären all diese Dinge, über die ich geschrieben hätte, "uralte Selbstverständlichkeiten", wäre die Welt vermutlich ein besserer Ort und es bräuchte die knochenharte Arbeit und staubtrockene Kritik der Verhältnisse nicht mehr. Ich bitte weiterhin um Belege wo ich denn ihrer Meinung nach abgeschrieben haben soll, da Sie mir diese Belege aber schuldig bleiben, muss ich leider davon ausgehen, dass es sich hier um eine billige Note uninteressierter Denunziation handelt, die völlig haltlos ist und ihren Antrieb in der Distinktionsgewinnung hat.

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