6/20/2013

„Irgendwann können wir alle zusammen schwimmen!“

Über den exil-iranischen Film Sharayet und das unterdrückte Lechzen nach Glück in Teheran

Geschrieben von David Kirsch
erschienen in UNIQUE 05/13

Vom unmöglich gemachten Glück zweier Frauen im Iran, die vom Tugendterror des iranischen Regimes drangsaliert werden, handelt der Film Sharayet (Originaltitel: Circumstance), den die in den USA lebende iranische Filmproduzentin Maryam Keshavarz 2011 produzierte. Er versucht nicht nur, eine soziologische Bestandsaufnahme der iranischen Gesellschaft und ihrer Widersprüchlichkeiten zu leisten, sondern ist auch eine Dokumentation der unterdrückten Schreie nach Freiheit der Teheraner Jugend.

Regisseurin Keshavarz verfolgt das Ziel einer möglichst exakten Abbildung der iranischen Verhältnisse; sie stellt die barbarischen Umtriebe der iranischen SittenwächterInnen und den Zwang zur Unfreiheit durch das islamische Gesetz gnadenlos dar und erzählt das Leben zweier sich zueinander hingezogen fühlender Mädchen.

Der Auftritt der ProtagonistInnen und NebendarstellerInnen besticht vor allem durch ein hohes Maß an Authentizität. Ursprünglich hatte die Regisseurin geplant, den Film im Iran zu drehen und in den Teheraner Schwarzmarkt zu schmuggeln, auf dem Kopien von ‚westlicher Musik‘ und Hollywood-Filmen eine gern angebotene Ware sind.

Gedreht wurde schlussendlich allerdings im Libanon, da die Regisseurin die Unmöglichkeit einsehen musste, einen solchen Film auf iranischem Boden zu produzieren – nicht zuletzt deshalb, weil die meisten DarstellerInnen Exil-IranerInnen sind und sich eine Einreise auf iranisches Staatsgebiet als höchst problematisch erweisen hätte können. Jedoch wusste man auch um die Gefahr Bescheid, die von dem im Libanon aktiven verlängerten Arm des iranischen Regimes ausgeht. Aus Angst vor möglichen Bedrohungen durch die Hisbollah entschloss man sich, das wahre Drehbuch nicht bekannt zu geben und den libanesischen Behörden ein falsches Skript zuzuschicken. In einem Interview mit der New York Times sprach Reza Sixo Safai, der die Rolle des religiös gewordenen Bruders spielt, davon, dass das bedrückende Gefühl ständiger Überwachung durch die libanesischen Behörden die Performance der DarstellerInnen gesteigert habe.1 Alle mussten außerdem von ‚Dialect Coaches‘ unterrichtet werden, um ihre Kenntnisse des Teheraner Jugendslangs aufzufrischen, da beinahe ausnahmslos alle DarstellerInnen bzw. ihre Familien vor der islamischen Revolution 1979 geflohen waren und das aktuelle Persisch der iranischen Jugendlichen den SchauspielerInnen nicht geläufig war.

Liebe und Lust in Teheran

Der Fokus des Filmes liegt auf Atafeh und Shirin, erstere Tochter eines ehemaligen in den USA arbeitenden iranischen Diplomaten, zweitere Adoptivkind ebendieser Familie. Sie finden abseits der ständigen Präsenz von TugendwächterInnen in einer irre gewordenen Öffentlichkeit Zuflucht in der Privatheit, die Fathiyeh Naghibzadeh „als reale Fluchtmöglichkeit unter den Bedingungen religiöser Despotie“ beschreibt. Die beiden Schülerinnen entdecken inmitten der islamisierten und streng überwachten Öffentlichkeit ihre Liebe zueinander und finden vorerst in der „in den eigenen vier Wänden eingekapselten Emanzipation“ Schutz.2

Vorstöße in den öffentlichen Raum wagen sie anfangs vor allem im Teheraner Untergrundleben, das als ‚Nähkurs‘ getarnte Technopartys in Privatwohnungen oder aber auch Ton- und Filmstudios zu bieten hat, in denen Raubkopien US-amerikanischer Hollywoodstreifen synchronisiert werden. Allerdings werden unbeschwerte Treffen von Jugendlichen immer öfter durch die Straßenmilizen im Dienste des ‚Velayat-e-faqih‘ (Herrschaft des Klerus) gewaltsam aufgelöst, was oftmals schreckliche, pönale Zwangsmaßnahmen wie Auspeitschung oder den auch durch das ägyptische Militär praktizierten ‚Jungfrauentest‘ 3 zur Folge haben kann und hat.

Shirin lebt in einer Mittelstandsfamilie, deren Innenleben sich nicht sonderlich von dem einer US-amerikanischen unterscheidet. Man trinkt Wein bei feierlichen Anlässen, und die öffentlich praktizierte Geschlechtertrennung wird belächelt bis verachtet. Sie lebt mit ihren Adoptiveltern und ihren Adoptivgeschwistern Atafeh und Mehrdad quasi abgekapselt vom streng islamischen Recht und beschützt von der Institution Familie, die „als einzige relativ staatsfreie Zone der iranischen Gesellschaft paradoxerweise zum Terrain relativer Freiheit“ 4 geworden ist. Jedoch wird die Schutzmauer durchbrochen, als Atafehs Bruder Mehrdad, ein drogenabhängiger Loser, zu Allah findet und beginnt, die moderne Lebensart der Familie durch Züchtigkeit und Unterwerfung zu infiltrieren und die beiden Töchter an die Sittenpolizei verrät.


Islamische Reformation und iranische Revolution

Ganz im Gegensatz zum Film Nader und Simin (Originaltitel: A Separation), der lediglich zensierte Aufnahmen über die Realität unter dem Banner Allahs bietet – und deswegen anders als Sharayet gleich sieben Auszeichnungen auf dem vom iranischen Regime finanzierten Fajr Film Festival abräumte –, bietet Keshavarz‘ Werk eine schonungslose Erzählung des Kampfes zweier sich liebender Frauen, die für die Liebe und das Leben leben und sich oftmals dabei erwischen, wie sie sich in eine andere Welt oder auch ein anderes Land träumen, in dem beide Frauen „endlich wieder zusammen schwimmen gehen können“. Aber gleichzeitig wissen, dass ihr Wunsch nach einer Abschaffung von Zwang und Repression auch nicht von einer neuen Regierung der jomhurriye eslami (islamische Republik) erfüllt werden wird. Sie wollen feiern, sie wollen sich entscheiden können, wen sie lieben – sie wollen nicht länger nur Teil einer auf Produktivität und Enthaltung ausgerichteten Maschinerie sein; es geht ihnen in erster Linie um ein legitimes persönliches Interesse am eigenen Leben.

Diese so wertvollen Darstellungen des Filmes hätten ihn bei den Oscars 2011 zum besten fremdsprachigen Film machen können – ausgezeichnet wurde allerdings eine iranische Produktion, die bloß eine moderate Version der Realität abgab, welche die jugendliche Sehnsucht nach Freiheit und das damit verbundene Streben nach Glück verschleiert und den Tugendterror der iranischen Rackets ausblendet. Hatte man 2011 also der iranischen Presse die Möglichkeit gegeben, sich damit zu schmücken, dass man mit A Separation einen wertvollen Beitrag zur Kulturindustrie und zum Multilateralismus geleistet habe, hätte man allein mit der Nominierung von Sharayet nicht die Apostel des Appeasements und der Kumpanei mit dem antisemitischen Mörderregime protegiert, sondern öffentlich einen regime change gefordert und eine Geste der Solidarität mit den unterdrückten Stimmen all jener geleistet, die von den Moussavis und Khatamis ebenso wenig halten wie von allen anderen rivalisierenden Gruppen der islamischen ‚Republik‘.



Anmerkungen:
1http://www.nytimes.com/2011/08/21/movies/circum­stance-a-film-of-underground-life-in-iran.html?pagewanted=all
2 Fathiyeh Naghibzadeh: Die göttliche Mission der Frau, S. 102–110. In: Stephan Grigat, Simone Dinah Hartmann (Hg.): Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer. Studienverlag 2008.
4 Naghibzadeh: Die göttliche Mission der Frau, S. 102–110.

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