9/23/2010

Zur Kritik des linken Antirassismus

“Kulturrelativisten sehen nicht, daß sie, indem sie nichtwestliche Kulturen skrupulös von ihrer Kritik ausnehmen, die Träger dieser Kulturen in ihrer Rückständigkeit einzementieren. Dies geschieht mit den besten Absichten, aber wie bekannt ist der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert. Es handelt sich um Rassismus in Reinform.”
(Ayaan Hirsi Ali)

"Die menschenverachtende deutsche Asylpolitik erklärt sich nicht rassistisch, sondern politisch-ökonomisch, Rassismus heißt eben nicht Ausgrenzung."
(Martin Dornis)

"Von Rassismus kann aber wohl erst die Rede sein, wenn mit Rassentheorien die Unveränderlichkeit verschiedener Menschengruppen bewiesen werden soll die zur Herabsetzung, Versklavung oder Ermordung verschiedener Menschengruppen führt."
(Clemens Nachtmann)


In den letzten Tagen wurde in Oberösterreichs Schulen eine Broschüre mit dem Titel "Da mach' ich nicht mit! ...Argumente gegen rechte Sprüche." verteilt, die von der Organisation "Land der Menschen" gedruckt und verfasst wurde, die sich selbst als "ein Zusammenschluss von elf Organisationen" sieht, welche "sich seit 2000 für die Förderung eines friedvollen und respektvollen Zusammenlebens von In- und AusländerInnen in Oberösterreich einsetzen" (1). In diesem Bündnis befinden sich unter anderem die SPÖ-dominierte Gewerkschaft ÖGB und mehrere Verbände, insbesondere die katholische Hilfsorganisation Caritas.

Diese Broschüre soll, wie der Name schon nahelegt, eine Aktion gegen die "rechten Sprüche" (gemeint ist wohl die Politik, die von der Freiheitlichen Partei Österreichs ausgeht) darstellen und eine Möglichkeit bieten, "einige erprobte Kommunikationstipps" im Umgang mit Jugendlichen fremdenfeindlicher Couleur vorstellen.
In dem von dem antirassistischen, zivilgesellschaftlichen Bündnis herausgegebenen Taschenbuch soll "zwölf Klassikern" - also typische alltagsrassistische Sager - durch Argumente Paroli geboten werden.

Inwiefern in diesem Heft selbst moderner Rassismus betrieben wird, soll in den folgenden Absätzen dargestellt werden.

Altmodischer Rassismus, also der Gedanke, dass ein Angehöriger einer ethnischen Gruppe qua Geburt sich unterzuordnen hätte-   ist (zumindest außerhalb Österreichs) - heutzutage weitestgehend im Rückgang. Der heutige Rassist, also der Kulturrelativist, duldet Unterdrückung in menschlichen Beziehungen, die von "einer anderen Kultur geprägt" seien und somit einer anderen Maßstäblichkeit unterliegen. So interessiert sich der moderne Rassist, der stets in Personalunion ein selbsternannter Antirassist sein möchte, nicht für Ehrenmorde in Clans oder Familien, die nicht "kulturellen Eigenarten" entspringen und diffamiert jegliche Kritik am Islam und an Problemen nicht-europäischer Art als "eurozentristisch" oder “islamophob”.

Wie menschenverachtenden Argumenten mit ebenso menschenverachtenden Argumenten entgegen gewirkt werden soll, konnte man schon auf der vierten Seite der Broschüre nachlesen:
So wird einem der Tipp gegeben, man solle in einer Diskussion, in der das Gegenüber behaupten würde, dass “Ausländer uns die Arbeitsplätze wegnehmen” die These aufstellen, dass "ohne Zuwanderung die Wirtschaft und das Pensionssystem zusammenbrechen würde, und in zwei Jahrzehnten (wäre) Österreich ein Land mit überwiegend alter Bevölkerung".
Dass man hier Migrationsfeinden mit scheinbar kritischen Argumenten wie der nicht-vorhandenen Nutzlosigkeit und ökonomischen Überflüssigkeit der Migranten entgegenzuwirken versucht, erscheint der NGO als äußerst kritisch und menschenfreundlich.

Eine Seite weiter wird kurz und schmerzlos behauptet, dass "viele offene Stellen von Österreichern und Österreicherinnen gar nicht angenommen" werden würden und "die Müllentsorgung, der Straßenbau, der Pflegebereich oder die Hotellerie und Gastronomie (wäre) ohne ausländische Mitarbeiter (...)" völlig überfordert wäre:
Ergo: Solange der Türke die U-Bahntoiletten putzt, und solange er sich mit Arbeitsplätzen abgibt, für die sich "Österreicher" zu schade sind, ist er hier herzlichst willkommen.

Nun kommen wir zu Punkt 7 in dem der angeblich ausländerfeindliche, rassistische Satz "In Wahrheit werden Frauen mit Kopftuch unterdrückt" kritisiert werden soll.
Wer schon allein diesen Satz neben "rechte Klassiker" wie "Nicht alles am Nationalsozialismus war falsch" stellt, agiert kulturrelativistisch, da jede Kritik am Islam per se als (kultur-)rassistisch denunziert wird, und jede Kultur, die als "nichtwestlich" gilt, gegen angeblich eurozentristisches, westliches Beharren auf den Grundprinzipien der Aufklärung und der Religionskritik, verteidigt wird.

Nun argumentiert die NGO weiter wie folgt:
"Auch Frauen ohne Kopftuch werden unterdrückt. Menschenrechtsverletzungen haben mit der Kopfbedeckung nichts zu tun. Jede Form der Einschränkung der persönlichen Freiheit ist nicht ok, mit oder ohne Kopftuch."

Diese hochgradig verklärende Aussage, die suggerieren soll, dass "frauenrechtlich engagierte, aber auch den Islam kritisierende Menschen" Vorurteile gegen den Islam hätten, und nicht möglicherweise eben genau diese islamischen Zumutungen bekämpfen wollen würden, meint nichts anderes als den Vorwurf der Islamophobie. 
Der Vorwurf der Islamophobie, mit welchem man das antimuslimische Pendant zum antijüdischen Antisemitismus meint und mit dem man den Antisemitismus antirassistisch abhaken will, ist einerseits ein widersprüchliches Konzept, da er einerseits den Rassismus gegenüber sich als Muslime definierenden Menschen zu benennen versucht, andererseits jegliche Kritik an der apokalyptischen, antiindividualistischen Ideologie des Islams delegitimieren möchte.

Der Vorwurf der Islamophobie war anfänglich allerdings nicht ein Vorwurf des Rassismus. Der Begriff der Islamophobie wurde bereits 1979 verwendet, um Frauen der "Abkehr vom Islam" zu bezichtigten, da sie sich gegen die Zwangsverschleierung zur Wehr setzten oder aber beispielsweise den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie mittels einer Todesfatwa aufgrund dessen angeblich islamfeindlichen Werkes "Die satanischen Verse" zum Schweigen zu bringen. Der Aufruf zum Mord an Rushdie, den der damalige iranische Staatschef Khomeini mit 3 Millionen US-Dollar belohnen wollte, gilt heute immernoch und wurde durch den 2008 stattgefundenen Ritterschlag Rushdies durch Königin Elisabeth II. durch eine iranische, offen antijüdische Gruppierung mit dem Namen "Gesellschaft zur Ehrung der Märtyrer in der islamischen Welt" erneuert.

Die Weigerung den Islam einer Kritik zu unterziehen mit dem andauernden Hinweis, dass die verschiedenen Kulturen zu bewahren seien, erinnert nicht von ungefähr an den Ethnopluralismus eines Alain De Benoist, der Vordenker der "Neuen Rechten" Frankreichs, der von der Existenz verschiedener Rassen, Kulturen und Nationen ausgeht, sie jedoch nicht bewerten möchte, sondern die Kulturen in ihren Eigenheiten bewahren möchte.

Der Antirassismus, der in diesem Fall von dem parteiübergreifenden Bündnis propagiert wird, erkennt nun die Differenz zwischen den Kulturen an und möchte sie gegen angeblich rassistische, eurozentristische, weil auf dem Universalismus beharrende, Kritik verteidigen.

So schließt sich dieses Heft in gewisser Weise den Standpunkten an, die von ihren angeblichen Gegnern formuliert wird - der FPÖ:




"Von Nigeria bis Kasachstan, von Marokko bis Indonesien sind die Mehrheitsbevölkerungen vom Islam – wenn auch in sehr unterschiedlichen Ausrichtungen – entscheidend geprägt. Vor allem für die arabische Welt stellt der Islam die bedeutende Klammer für ein selbstbewußtes Auftreten in der Zukunft dar. (…) Als identitätsbewußte Bewegung unterstützt das national-freiheitliche Lager die Bestrebungen der islamischen Welt, sich von Fremdbestimmung zu emanzipieren. Eine verantwortungsvolle europäische Außenpolitik muß den Ausgleich mit der islamischen Welt suchen und darf sich nicht von den USA instrumentalisieren lassen."

(Andreas Mölzer, http://www.andreas-moelzer.at/index.php?id=397, Zugriff 23.09.2010)



Man sehe und staune: Auch die FPÖ gibt sich als Freund des Islams, da auch sie sich nicht das Ziel gesetzt hat, progressive, auf Emanzipation aus seiende, Kritik am Islam zu formulieren. Der Angriffspunkt ihrer Argumentation ist eben nicht der Islam, sondern das Fremde, da man sich auf die Suche nach einer Legitimation für striktere Zuwanderungsregeln machen muss.
Die Ideologie, die von der Freiheitlichen Partei Österreichs und ihrer Kameraden ausgeht, ist demnach nicht als Islamfeindlichkeit, oder gar Islamophobie zu bezeichnen, sondern eben als "eine ethnopluralistische Fremdenfeindlichkeit, die den Islam oder die unter ihn befassten Menschen, in Europa ablehnt weil er, oder eben die Moslems, fremd seien, dem Islam im arabischen Raum aber wohlwollend gegenüber steht, weil er und die Muslime dort hin gehörten." (2)

Die Linke, die sich in einer Art "Ehrenrettung des Islams" versucht und im Kampf gegen die fremdenfeindlichen, ethnopluralistischen Zumutungen der FPÖ den Kampf gegen die Islamophobie meint, muss entgegengehalten werden, dass der Vorwurf der Islamfeindschaft nichts als eine glatte Lüge ist.
Kulturrelativismus, wie er oftmals von links wie von rechts gleichermaßen propagiert wird, deckt sich mit dem klassisch "rechten" Ethnopluralismus, der eine Anerkennung einer jeden Kultur fordert und therefore jegliche Kritik an der islamischen Kultur abschmettert. 
Die Parteinahme für den Islam in der arabischen Welt und die Ablehnung des Islams in der europäischen Welt basiert nicht auf Islamophobie und Islamfeindschaft, sondern darauf, dass der "natürliche Raum der islamischen Kultur" nicht in Europa, sondern in Arabien sei, also in Europa "fremd" sei.

Deutlich wird das noch einmal am Beispiel einer österreichischen Neonazi-Seite die den Namen "Alpen-Donau-Info" trägt:

„Die ehemaligen Multikulti-Apostel zetern nun über den Islam, machen einen sogenannten 'Antiislamismus' salonfähig und stellen Israel als Galionsfigur eines heiligen 'Europäischen' Kriegs gegen 'die Mullahs' dar.

Traurig aber wahr, viele fallen auf diese Schmierenkomödie herein. Mit billiger Moslemfeindlichkeit kühlt man sein Mütchen. Wir haben kein Religionsproblem, sondern ein Ausländerproblem!“

Und weiter:

"Die Islamisierung Europas hat nichts mit der palästinensischen Notwehr gegen 'Israels' Vernichtungskrieg zu tun. Unser Kampf gegen die Islamisierung Europas hat nichts mit unserer Freundschaft zum letzten freien Staat, dem Iran, zu tun!“ (3)


Man sieht: Der Vorwurf der Islamophobie hat sich historisch als ein Instrument zur Delegitimierung von Kritik an islamisch-patriarchalen Zuständen herausgebildet. Eine Kritik der menschenfeindlichen Hetze der FPÖ muss daher konstatieren, dass diese mit dem Vorwurf der Islamophobie ins Leere zielen würde.
Eine Kritik der FPÖ muss eine Kritik des Ethnopluralismus sein, ebenso wie eine Kritik linksbürgerlicher Artikulationsformen das Element des Ethnopluralismus aufdecken muss und als das entlarven muss, was diese Ideologie in ihrer Substanz enthält:
Rassismus in modernem Gewand, der das Individuum ausblendet und es lediglich als Einheit eines Ganzen betrachtet.




(1) http://www.dioezese-linz.at/pastoralamt/ka/tt/neu/index.php?option=com_frontpage&Itemid=1
(2) Hier sei auch noch mal auf den Blog http://traumvoneinersache.wordpress.com/ verwiesen, auf dem einige wichtige Überlegungen zum Antirassismus, sowie ihren Begründern und Ideologen zu finden sind.
(3) zitiert nach Michael Fischer

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