8/16/2011

Wider den al-Quds-Tag!


 Ein Aufruf zur Solidarität mit den Revoltierenden im Iran 



Zu Hunderttausenden bewegten sie sich auf den Straßen Teherans am 18. September 2009, dem von Ruhollah Khomeini ausgerufenen al-Quds-Tag zur islamischen Befreiung Jerusalems. Omnibusse reihten sich aneinander, denn selbst aus der ärmlichen Peripherie der Städte wollten die Menschen an den Aufmärschen teilhaben. Mehdi Karroubi, Mir-Hossein Mousavi und Mohammad Khatami, die widerspenstigen Männer der Islamischen Republik, hatten versprochen, friedlich mit ihren Glaubensbrüdern zu marschieren. Nur Akbar Hashemi Rafsanjani, der systemimmanente Opponent Khameneis, der noch am al-Quds-Tag 2007 die Juden als einen „Schmerz im Nacken“ charakterisierte und die Shoah als eine Reaktion darauf (1), der noch am al-Quds-Tag 2001 kühl kalkulierte, dass eine einzige A-Bombe den „Kunststaat“ Israel gänzlich tilge, während der Schaden unter Muslimen berechenbar bliebe (2) wurde ausmanövriert und durfte, trotz alledem, nicht die Hauptpredigt in Teheran sprechen. (3) Dies tat nun Ahmad Khatami, ein frommer Herr ohne Partikularinteressen, der von Märtyrertum und dem seligen Vertrauen in den Klerus, von israelischer Leichenfledderei und dem Konzept der Islamischen Republik Palästina sprach. Vordem beschwor Mahmud Ahmadinejad in seiner Ansprache den al-Quds-Tag nicht nur als „den Tag der Einheit der iranischen Nation“, sondern überdies aller Nationen, nicht nur der muslimischen. Und: Die „Black Box des Holocaust“ müsse gelüftet werden. (4)

Zu Hunderttausenden bewegten sie sich auf den Straßen Teherans, aber auch etwa in Isfahan, an diesem „Tag der Einheit der iranischen Nation“. Aus den Chassis dröhnte die Parole „Marg bar Israel“, „Tod Israel“, immer wieder, auf allen Straßen… 
Und aus der Masse an Menschen schlug es ihnen entgegen: „Tod den russischen und chinesischen Kollaborateuren des iranischen Regimes“, „Putin, Chávez, Nasrallah, ihr seid die wahren Feinde des Irans“ und „Weder Gaza (sprich: Hamas) noch der Libanon (Hezbollah), unser Leben für den Iran“. In der Masse auch Grüppchen von regimetreuen Männern und Frauen, letztere eingehüllt im Chador, deren schwächliches „Tod Israel“ dauernd gekontert wurde durch ein penetrantes „Marg bar Chin“ oder „Marg bar Russie“. Zugegeben, die Parolen muten nationalistisch an und sie verbürgen noch keinen materialistischen Begriff vom Antisemitismus und somit vom Staat gewordenen Selbstschutz der Juden: Israel. Doch dass die Abwehr der staatsorganisierten Projektion des Antisemitismus zum Inhalt einer Revolte wurde, ist ein historischer Bruch. Es spricht aus ihr zumindest die Ahnung der Malignität einer pathischen Projektion, die das eigene Leiden und Sterben im „unbefreiten“ al-Quds zu verewigen droht. Wo von Staats wegen die Frauen unter den Hijab gezwungen werden und bei außerehelicher Intimität der Tod droht, war unter den Revoltierenden für einen Moment die sexuelle Apartheid wie aufgehoben. Und wo Regimekritiker als „Mohareb“, das heißt als „Kriegsführende gegen Gott und seinen Propheten“, hingerichtet werden, rief man nach dem „Tod des Klerus“. Doch die Menschen, die revoltierten, um sich selbst wieder zu erwerben, zumindest nach den Kriterien eines bürgerlichen Subjekts, ohne im nächsten Moment die dem Kapitalverhältnis inhärente Krisenhaftigkeit der Subjektform antisemitisch auszusöhnen, blieben allein – so weit die Solidarität Vereinzelnder zu still blieb. 

Denn zugegen, selbst unter Freunden Israels, wurde dieses Begehren nach einem besseren Leben kaum gewürdigt. Man widmete sich höchstens den nächstmöglichen Herren des Irans, den Mousavis und Khatamis. Die Diskrepanz zwischen den Reformkhomeinisten und den Revoltierenden, die säkulare Parolen gegen die Islamische Republik riefen, wurde zumeist ignoriert. Dem al-Quds-Tag muss also nicht allein wegen seinem widerlichen Hass auf die Emanzipationsgewalt der Juden, den Staat Israel, entgegengetreten werden, sondern vor allem auch weil er von einem Regime organisiert wird, das noch zu Beginn des Jahres Menschen durch die Straße hetzte, die „Weder Gaza noch der Libanon, sondern Tunesien, Ägypten und der Iran“ riefen, die sich also um eine Assoziation antidespotischer Erhebungen bemühten und nicht um die der antizionistischen Rasereien. 

Während die Revoltierenden im Iran am 18. Sep. 2009 den staatsorganisierten Israelhass blamiert haben, ist den antiimperialistischen Ideologen die khomeinistische Kontrarevolution, also die faschistische Mobilisierung der Ausgebeuteten und Verächtlichten als Tugendterroristen und lebendiges Kriegsmaterial, noch stets der „Emanzipationsprozess der Volksklassen“(„jW“, 20.06.09) und so verteidigen sie bis heute das Regime gegen seine als „asozial“ denunzierten Feinde. Diese ideologische Flankierung der Islamischen Henkersrepublik ist Ausfluss einer ideologischen Spaltung von Herrschaft, die derselben fatalen Logik folgt – mit ähnlichen antisemitischen Konsequenzen – wie die Spaltung des Kapitalverhältnisses in Produktions- und Spekulationssphäre: die Herrschaft wird geteilt in eine wesensfremde vulgo imperialistische und in eine authentische, das heißt in die autochthone Herrschaft über die ‚Eigenen‘, die in dem Schwulst von der „nationalen Souveränität“ fetischisiert wird. So wird Ahmadinejad nach einer UN-Sitzung von 100 US-amerikanischen Antiimperialisten – unter ihnen der 66. Justizminister Ramsey Clark und die Kongressabgeordnete Cynthia McKinney – empfangen, um dem Regime zuzusprechen, authentischer Souverän des Irans zu sein, und so bemängelt die einstige Jugendzeitung des deutschen Staatskapitalismus, die „junge Welt“ aus Berlin, an Israel die Naturhaftigkeit und rühmt dagegen Ahmadinejad als „Führer der Habenichtse“. Während die als heiß und innig zelebrierte Bruderliebe des Hugo Chávez zu Ahmadinejad die politische wie militärisch-industrielle Komplizenschaft des bolivarischen Venezuelas mit der Islamischen Republik Iran camoufliert. 

Der Aufmarsch am al-Quds-Tag ist das einzige Ereignis in Europa, in dem die Islamische Republik Iran mit ihren hiesigen Repräsentanten die Diskretion ablegt, die sie bei Einladungen von Freunden aus Industrie und Politik bewahrt.Als Geste der Solidarität mit den Revoltierenden im Iran und in der Hoffnung, dass die Friedhofsruhe aus Hinrichtungen, Folterungen und Tugendterrorismus ehest endet, rufen wir auf zu Protest gegen den al-Quds-Tag in Berlin und anderswo.

Marg bar jomhuriye eslami! Marg bar asle velayat faqih!
Nieder mit der islamischen Republik! Tod der Herrschaft der Rechtsgelehrten!


exsuperabilis.blogspot.com
cosmoproletarian-solidarity.blogspot.com

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