7/08/2010

Antiimperialistischer Geschichtsrevisionismus

oder: Wieso Antiimperialisten den 8. Mai nicht als Befreiung begreifen und Antideutsche Antifas trotzdem mit ihnen feiern.


Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, sich durch einen mit altlinken Floskeln und gruseligen Formulierungen geschmückten Essay der trotzkistisch-leninistischen Wiener Jugendorganisation „Revolutionär Sozialistische Organisation“ (RSO) zu lesen, dem wird nicht nur die Trägheit widerfahren, mit der sich die Essays dieser Splittergruppe lesen lassen, sondern auch die mühevolle Aufgabe, die einem jedem zum Auftrag gemacht wird, der diesen Text liest, all die Sätze und Formulierungen, trotz der dutzenden Rechtschreib- und Grammatikfehler, die oftmals einen einzigen ausformulierten Satz komplett sinnentwerten, zu verstehen und nachvollziehen zu können, was denn nun überhaupt Gegenstand ihrer Kritik sei.
Abgesehen davon scheint es ein gewisses Dogma der Wiener Gruppe zu sein, konsequent unwissenschaftlich, ergo: ohne Quellenangaben, Fußnoten, Querverweise oder Literaturangaben, zu arbeiten, was einige vage Behauptungen, die oftmals willkürlich aus dem historischen Kontext gerissen werden, wahrscheinlich seriöser wirken lassen sollen. Gut möglich auch, dass man sich einst dieser Arbeitshaltung verschrieb, da man wissenschaftliches Arbeiten als „bourgeoises Getue“ abgekanzelt hatte.
Am 8. Februar 2010 erschien auf der Homepage der RSO ein Text mit dem Namen „Dresden, die Nazis und die Alliierten“ , welcher von einem Mitglied der „Anti- Rassismus-Gruppe“ der RSO namens Eric Wegner geschrieben wurde. Eric Wegner hat außerdem angekündigt an den ebenfalls von der RSO geplanten „Sozialismus- Tagen“ einen Vortrag zu halten, der den Namen „Ficken im Kapitalismus“ trägt, in dem es darum ginge, was die „marxistischen Klassiker“ zum Thema Sex zu sagen hatten und wie man im Sozialismus „richtig ficken würde“.

Schon im ersten Satz des Essays werden bahnbrechende Erkenntnisse geboten, bei denen man höchstens vermuten kann, welche Aussage sich hinter dem Satzgebilde verstecken könnte.

„Die Luftangriffe auf Dresden 65 Jahre sind her.“

Eine wohl unpassendere Einleitung für einen Text, der die „Verbrechen der Alliierten“ (!) kritisieren möchte wäre wohl kaum auffindbar gewesen, obwohl man doch an jeder Stelle des Textes bemüht ist, eine „marxistische Position (...) zur alliierten Kriegspolitik“ zu formulieren. Der Verweis auf die Tatsache, dass sich der Nationalsozialismus und die militärische Intervention der Alliierten vor 65 Jahren ereigneten, erscheint dadurch als abgeschlossenes Geschichtskapitel und Epoche, die kaum noch Einfluss auf das heutige Geschehen haben soll – umgemünzt auf Österreich und Deutschland könnte dies also als ein versuchtes Leugnen des postnazistischen Charakter beider Staaten sein, in dem jede Kontinuität des Antisemitismus und allen anderen Denkweisen, die mit ihm verbunden sind, ignoriert werden. Ebenso will man so scheinbar auch jeglichen Hervorhebungen der Besonderheiten des österreichischen bzw. deutschen Staates entgegenwirken.

Einige Formulierungen später - etwa solche über „pseudolinke(n) Antideutschen“ - wird die Behauptung aufgestellt, dass „die meisten HistorikerInnen“ davon ausgehen würden, dass bei der Bombardierung Dresdens bis zu 40.000 Menschen ums Leben gekommen sind – eine Aussage, die bis auf weiteres in den Raum gestellt wird – ohne genauere Quellenangaben, auf welche „Historiker“ man sich denn beziehe. Auch wenn Zahlen und Statistiken in diesem Zusammenhang keinen besonderen Wert darstellen, und das hier kein bloßes Vergleichen von verlorengegangenen Menschenleben sein soll, so ist es jedoch umso wichtiger zu erwähnen, dass die aktuellsten historischen Untersuchungsergebnisse zum Bombardement 1945 nur noch von „mindestens 18.000 Toten“ (1) sprechen; der Vollständigkeit und Richtigkeit halber, ist es mir ein Anliegen, dies zu erwähnen.

Weiters ist davon die Rede, dass Nazis kein Recht hätten die alliierten Verbrechen zu kritisieren, da es ihnen nur darum ginge, die Nazi-Verbrechen zu rechtfertigen und zu verharmlosen:
„Ihnen ist jede Empörung über alliierte Verbrechen gegen die deutsche Zivilbevölkerung abzusprechen. Schließlich ging den alliierten Bombardements auf deutsche Städte der Bombenterror des deutschen Imperialismus gegen Warschau, Rotterdam, London, Coventry, Belgrad, etc. voraus!“

Hier kommt die uralte Parole „Hinter dem Faschismus steht das Kapital“ zum Einsatz, durch die vollkommen ausgeblendet wird, dass Juden nicht aus Gründen der Ausbeutung, nicht aus militärischen Gründen und eben vor allem nicht aus imperialistischen Gründen (etwa um ihnen Land zu entreißen),  millionenfach vergast und ermordet wurden, sondern dass der Höhepunkt des Nationalsozialismus, der in die Shoa mündete, „keine funktionelle Bedeutung“ (2) hatte. Die Ausrottung der Juden war „sich selbst Zweck.“ (3) Wie sonst könnte ansonsten die Tatsache erklärt werden, „warum in den letzten Kriegsjahren, als die deutsche Wehrmacht von der Roten Armee überrollt wurde, ein bedeutender Teil des Schienenverkehrs für den Transport der Juden zu den Gaskammern benutzt wurde und nicht für die logistische Unterstützung des Heeres”. (4)

Der „deutsche Imperialismus“, von dem Wegner hier schreibt, ist kein gewöhnlicher Imperialismus wie jeder andere. Die Shoa, also die deutsche Variante der Verarbeitung der Konfliktlagen der kapitalistischen Weltmarktkonkurrenz, hatte nämlich nirgendwo anders so sehr, wie in Deutschland und Österreich das Staatsvolk auf die Idee kommen lassen, die dem Ariertum entgegengesetzte „Gegenrasse“ zu eliminieren. Eine historisch einmalige, ökonomisch vollkommen sinnlose Tat, die dadurch aus allen anderen Formen des kapitalistischen Normalvollzugs herausfällt und nur erklärbar wird wenn der Antisemitismus als Hauptideologie des Nationalsozialismus begriffen wird, und sich Erklärungen dessen nicht auf viel zu allgemein greifende Mechanismen wie Imperialismus, Rassismus oder sexuelle Unterdrückung stützen.

Ferner wirft der Autor den “Antideutschen“ vor, die Bombardements der Alliierten „in einem falschen Reflex als progressiven Akt zu idealisieren.“ Wieder werden ohne jegliche Angabe, woher das prophezeite Wissen über die angebliche Zerstörung von einem Drittel aller Dresdner Wohnungen denn stamme, Aussagen getätigt, die beinahe konspirativen Charakter haben: Der britische Premier Churchill soll angeblich „in einem Telegrammentwurf (!) in Bezug auf Dresden von bloßen Terrorakten und mutwilligen Zerstörungen“ gesprochen haben.

Fakt ist: Durch die Bombardierung der Nazi-Bastion Dresdens vom 13. bis zum 15. Februar 1945 wurde die Gestapo-Zentrale komplett zerstört, wodurch die Deportation von übriggebliebenen 200 Juden nicht mehr durchgeführt werden konnte, da sie – trotz des Nutzungsverbotes – in den Keller geflüchtet waren, und dort in Folge dessen dem sicheren Tod entkommen konnten. (5)

Victor Klemperer, ein Literaturwissenschaftler, einer jener, die scheinbar von einem Hauch des Glückes im Unglück überrascht wurden, schrieb damals in sein Tagebuch:

„Wen aber von den etwa 70 Sternträgern diese Nacht verschonte, dem bedeutete sie Errettung, denn im allgemeinen Chaos konnte er der Gestapo entkommen.“ (6)

Falsche Tatsachen will hier der Antiimperialist und Tatsachenverdreher Wegner offenbaren, um sogleich auch Ereignisse, die als direkte Folge der Bombardierung entstanden, zu ignorieren, zu leugnen, ggf. zu verfälschen. Auch hier spricht er davon, dass „auch Rüstungsbetriebe beschädigt“ wurden, jedoch nur ein 1⁄4 der Krankenhäuser unbeschädigt blieben.

Fakt ist: Die Royal Airforce konnte zwar durch die sehr schlechte Sicht nicht genau auf die Standorte der deutschen Rüstungsindustrie zielen. Jedoch wurden in Folge dessen trotzdem 70 Prozent der Industriebetriebe zerstört, woraufhin die meisten Betriebe ihre Produktion einstellen mussten. (7) Dresden, also der Ort, an dem die deutsche Rüstungsindustrie jahrelang an der endgültigen Vernichtung der Juden gewerkelt hatte, der Ort an dem die meisten Munitionsfabriken ihren Platz hatten, war nach den Bombardements größtenteils lahmgelegt.

Auch kurz vor Ende des ersten Abschnittes kommt die erneut unseriöse Arbeitsweise des Altlinken Wegners zum Ausdruck. Ohne die Karten auf den Tisch zu legen, aus welchen brisanten Protokollen, Entwürfen, geheimen Gesprächen seine Erkenntnisse denn stammen, halluziniert er weiter davon, dass sich die Bombardierungen der Alliierten „ausschließlich auf Viertel der Arbeiterklasse beschränkten.“ Die wahren Gründe für diese Begebenheit scheint er auch sogleich parat zu haben: „Es gibt dabei Vermutungen, dass für diese Auswahl Kontakte zwischen deutschen und US-AgentInnen in Lissabon entscheidend waren.“

Doch selbst hier findet die Absurdität des de facto komplett falschen Bildes des deutschen Faschismus noch kein Ende.
Ein Ziel der britischen und US-Bourgeoisie (und auch der deutschen) (sic!) konnte durch die Flächenbombardements allerdings weitgehend erreicht werden: eine Desorganisation der deutschen Gesellschaft (!) (...) ein weiteres Auseinanderreißen von erhalten gebliebenen Zusammenhängen in den ArbeiterInnenvierteln und Betrieben, die eine in den Untergrund gedrängte Grundlage für Klassensolidarität und Widerstand darstellten.“

Die absurde, tragikomische, ja groteske Behauptung, dass das Ziel der deutschen "Bourgeoisie" - einen Begriff, den es nicht nur aus klassenanalytischen Veränderungen seit der Marxschen Definition nicht mehr zu verwenden gilt (*), die Zerstörung der „Klassensolidarität“ war, grenzt an einen für Antiimperialisten typischen Abwehrreflex.
Eine Aufzählung von dezidiert antifaschistischen ArbeiterInnenorganisationen wäre hier fehl am Platz. Die gut gemeinten Erzählungen von den Heldentaten des Großvaters, der gezwungen wurde in den Krieg zu gehen, und nur unfreiwillig über Juden schimpfte, die Geschichten über von Angst und Not verfolgten Deutschösterreichern, die durch Hitler endlich wieder ein Stück Brot in die Hände bekamen, die im Grunde genommen nichts gegen Juden hatten, aber keine andere Wahl hatten, als Antisemit zu werden, über die absichtlich falsche Skizzierung der politischen Landschaft vor 1945, inklusive der gern vorgebrachten Behauptung, dass Hitler den Judenhass nach MittelEuropa gebracht hätte (was als nichts anderes als eine dreiste Lüge gelten kann – Stichwort: Die Parole der Kommunistischen Partei Österreichs „Tötet die Judenkapitalisten!“) (8), bis hin zum „spießbürgerlichen Bekenner- Pazifismus“ der Schollgeschwister“ (9) oder der Heroisierung des Rollenbildes des deutschen „kleinen Mannes“ im Form von „Bockerer-Filmen“ erfüllen alle einen ehrlichen, hoch angesehenen Zweck:

Die Ehrenrettung des deutschen und des österreichischen Täterkollektivs.Den Verweis auf den Widerstand „anständiger Deutscher“ gegen „die Nazis“ und die Mär, dass „Opa eigentlich gar kein Nazi“ gewesen sei.

Denn die einzig erwähnenswerte Persönlichkeit, die es ernst meinte mit der Zerstörung des deutschen Reiches, fand nicht umsonst kaum Anklang in der deutschen Konsensgesellschaft.
Georg Elser, ein militanter Antifaschist, der es verstanden hatte, kurzen Prozess mit den Antisemiten und Menschenfeinden zu machen. Ein Bellizist, und „Antideutscher der ersten Stunde“ (10) , der nicht darauf aus war, 1943 heimlich „deutsche Flugblätter „ zu verteilen, auf denen „die Vernünftigen und Anständigen zu Wort kommen sollen“ (11), sondern schon nach kurzer Zeit nach dem Anschluss, im Herbst 1939 den Plan schmiedete mittels eines Bombenattentats die „Obersten“ (12), wie er sie nannte, auszuschalten. Da auch hier das Glück nicht auf Elser’s Seite war, missglückte das Attentat, Elsers Fluchtversuch in die Schweiz scheiterte, und er wurde vom SS- Oberstabsführer Theodor Bongartz höchstpersönlich, nach jahrelangem KZ-Aufenhalt in Sachsenhausen, am 9. April 1945 gegen 23:00 Uhr, wenige Wochen vor Kriegsende, in Dachau durch einen Genickschuss hingerichtet. (13) Dass sich Politologen wie ein gewisser Lothar Fritze 60 Jahre nach diesen Ereignissen dennoch trauen Elser unmoralisches Handeln vorzuwerfen, und ihm das moralische Recht absprechen, als Einzelgänger auf Hitler loszugehen um dabei den „Tod von Unschuldigen“ (!?) in Kauf zu nehmen (14), passt nur allzu gut zur Schuldabwehr der geschichtsrevisionistischen Querfront aus Bürgerlichen, Nationalbolschewisten und/oder Neonazis, wie sich auch in diesem Jahre in Dresden zusammengefunden hatten.

Wegner lässt ein paar vulgärmarxistische Begriffe später, im Kapitel „Alliierte Kriegsführung“ weiterhin seiner Pseudo-Polemik freien Lauf:
„Dass es mit dem "Antifaschismus" der westlichen Alliierten weit weniger weit her war als uns Hollywood und die "Antideutschen" das weismachen (!) wollen, kann leicht illustriert werden.“

Sich mit aller Selbstverständlichkeit der Welt schmückend, kann er jedoch trotzdem nicht mit wissenschaftlichen Quellen überzeugen, sondern muss sich auf Vermutungen verlassen:
„Das war auch die reale Linie der USA im Krieg: Deutschland und die Sowjetunion ‚ausbluten’(!) zu lassen und dann mit frischen Kräften abzukassieren.“

Die Höhe aller deutschen Gefühle hat jedoch erst gegen Ende des Kapitels Platz:
Hier soll also in erster Linie „die bewusste Verzögerung der westlichen Alliierten“, „und die noble britische und US-amerikanische Zurückhaltung“ für die „Opferzahlen“ verantwortlich gemacht werden, um schlussendlich ohne jegliche Abscheu Statistiken zu vergleichen:
„Die bewusste Verzögerung der westlichen Alliierten wurde vor allem für die beiden letzten Kriegsjahre relevant. Das aber war auch die Zeit, in der die Nazi-KZs auf Hochbetrieb arbeiteten. Die noble britische und US-amerikanische Zurückhaltung wird auch in den Opferzahlen deutlich: 6 Millionen europäische Juden ermordet, 21 Millionen Tote in der Sowjetunion, 2,5 Millionen (nichtjüdische) polnische und 1,5 Millionen jugoslawische tote ZivilistInnen, fast 6 Millionen „slawische“ Kriegsgefangene von den Nazis ermordet, aber „nur“ 200.000 US-amerikanische und 400.000 britische Kriegsopfer (fast ausschließlich Soldaten).“


Hier wird mit Händen und Füßen daran gearbeitet, die Schuld der Deutschen am Holocaust zu vertuschen, in dem man durch die Gegenüberstellung der Anzahl der ums Leben gekommenen, das anzudeuten, was hierzulande in der Linken zumindest für einen kleinen Skandal sorgen würde:
Quintessenz und Hauptaussage dieser Formulierung ist nichts anderes als der Versuch, den Holocaust, der Versuch der Vernichtung der „jüdischen Rasse“, die millionenfachen Ermordungen in deutschen KZ’s, die Plünderungen und Pogrome durch deutsche Antisemiten, ein für alle Mal zu relativieren, in dem man sich nicht schämt, die Schuld an den Ermordungen, an den Massakrierungen wie immer auf andere zu schieben:
In diesem Fall auf die Amerikaner und die Briten, denen es nur auf dem Herzen lag möglichst glimpflich davon zu kommen, und - und das ist der Hauptvorwurf der Antiimperialisten an deren „Klassenfeinde“ - aus rein egoistischen, d.h. in diesem Falle, imperialistischen Zwecken gehandelt zu haben. Der Vorwurf lautet also, dass die Alliierten kein Problem damit gehabt haben sollen, an der Vernichtung der Juden zuzusehen – Folgeschluss:
Sie seien auch nicht besser als die Nazis gewesen.

Wenn eine sich als antifaschistisch begreifende Gruppe aus einem Umfeld, welches sich wohl am besten als „radikale Linke“ bezeichnen lässt, mit einer dermaßen offen auftretenden Abwehr von Schuld, und einem dermaßen offen zur Schau gestellten Revisionismus sehen lässt, reiht sie sich wohlwollend neben den deutschen Durchschnittsbürger ein, der, falls er mal in einer schwachen Minute von der Shoa sprechen sollte, immer zuallererst über die angebliche Zusammenarbeit von Zionisten mit Nationalsozialisten spricht, anschließend versucht die Geschichte zu verfälschen, indem er behauptet, dass „die Nazis“ in Deutschland einmarschiert wären, und schlussendlich noch den Alliierten, den Juden und schlussendlich den zionistischen Faschisten vorwirft, einen politischen Nutzen aus dem Holocaust ziehen zu wollen, in dem man „ein gesamtes Volk“ (!) als schuldig darstellt.

Eric Wegener tut genau dies:
„Die ‚Entnazifizierung’ à la CIA war eine glatte Farce. Es ging darum, „die Deutschen“ für den Nationalsozialismus verantwortlich zu machen, den (kapitalistischen) Klassencharakter des Faschismus zu verschleiern, den proletarischen Widerstand runterzuspielen und damit die Nazi-Funktionäre (die man als solide antikommunistische Partner schätzte) zu entlasten. Wo ein ganzes Volk schuldig ist (!), verschwimmt die Schuld der (unter 20% der Bevölkerung ausmachenden) NSDAP-Parteimitglieder.“

Hier wird nichts ausgelassen. Den Vorwurf, dass es nur darum ginge „die Deutschen  für den Nationalsozialismus verantwortlich zu machen“ (15), könnte man 1 zu 1 in der Jungen Freiheit, auf Internetplattformen notorischer Neonazis, wie z.B. David Irving, oder auch in Vorträgen von, in linkem Gewand auftretenden, hochrangigen Universitätsprofessoren, die die offizielle Version des Holocausts anzweifeln und dem Staat Israel vorwerfen, eine „Holocaustindustrie“ entwickelt zu haben (16), nachlesen. Nichts anderem muss sich jedoch ein Antiimperialist bedienen, wenn er sein revolutionäres Subjekt, die Arbeiterklasse, gegen Vorwürfe des Antisemitismus verteidigen muss, und von der „Reichskristallnacht“ und den „Reichserntedankfesten“, den größten Massenveranstaltungen des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1937 und vor allem, von der Einzigartigkeit des deutschen Faschismus nichts wissen will, sondern auf einem „kapitalistischen Klassencharakter“ beharrt und von einem „proletarischen Widerstand“ quasselt, und ganz so tut, als wäre der Nationalsozialismus ein ganz normales Regime gewesen, in dem die hiesige Gesellschaft von einem monolithischen Machtblock beherrscht wurde - und die Tatsache verschleiern möchte, die das flugblatttaugliche, antiimperialistische Weltbild zum Einsturz bringen würde:
„Der Nationalsozialismus war die größte antikapitalistische Bewegung, die jemals zur Rettung des Kapitals mobilisiert worden ist; Der von ihr geschaffene Staat stellt die Vollendung des Antisemitismus dar: fetischistische Aufhebung des Kapitals auf der Grundlage des Kapitals.“ (17)

Der klassische Antiimperialismus, wie er von der RSO betrieben wird, dogmatisch- marxistisch alles über "Interessen" erklärend, kann so auch nicht anders als den Nahostkonflikt als Brandherd einzig nationaler Interessen zu betrachten – und den Antisemitismus, falls er nicht sowieso zur Vollständigkeit geleugnet werden sollte, nur als Mittel und nicht als Selbstzweck betrachten.


So hatten sich am 8. Mai in Wien verschiedene Antifagruppen zu einem Bündnis zusammengeschlossen um die Niederlage des deutschen Reiches ausgiebig bei Konzert, Demonstration und Party zu feiern. (18) Der Doppelcharakter, von dem Ljiljana Radonic im lesenswerten Gespräch mit Flora Eder sprach (19), bei den 8.Mai-Feiern, also zum Einen die antikonformistische Begeisterung über das militärische Niederringen des Deutschen Reiches durch die Allierten, und zum Anderen das „entsetzt innehalten“ war dieses Jahr nicht gegeben. Die Veranstaltung zielte trotz gelungenen Aufruftextes im Original, der durch eine inhaltliche Schärfe glänzt – jedoch danach durch verschiedene Floskeln wie „Nazis wegbassen“ und „Österreich du ‚Opfer’!“ verschandelt wurde, nicht unbedingt auf eine tiefgehende inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, noch mit den deutschen Spezifika, die genau zu diesem Unheil führten, sondern der Fokus war ganz klar auf Band und Demo und Party und Antifa gerichtet.
Anders lässt es sich jedenfalls nicht erklären, wie es der Spruch „Wer nicht feiert hat verloren!“ auf die Flugblätter der Antifagruppen geschafft haben soll.
Oder aber auch, was denn eigentlich eine, ebenso wie die RSO, leninistisch- marxistische, links-antizionistische Organisation auf einer vermeintlich israelsolidarischen, antideutschen Kundgebung zu tun hatte.

Dass die Anwesenheit der Sozialistischen Links Partei (SLP) bei der Demonstration, deren Ideologen - im Übrigen ebenso wie ihre Genossen der RSO - durch ihre Teilnahme bei antiisraelischen Kundgebungen, sowie abstrusen, ressentimenthaltigen Behauptungen aufgefallen waren (20), niemanden aus dem antideutschen Antifablock gestört hatte, scheint eher dafür ein Indiz zu sein, dass es weniger darum ging eine inhaltliche Auseinandersetzung zu den Jährlichkeiten des 8. Mai voranzutreiben, als eine Überzahl gegen möglicherweise herumschwirrende Burschenschaftler zu formieren.

Der positive Bezug auf den jüdischen Staat war jedenfalls durch die tolerierte Teilnahme der Antiimperialisten, aufgehoben – falls es denn jemals um etwas Anderes gegangen sein sollte als um die Bildung eines möglichst großen „Wir“, um das kollektive Abshaken zu elektronischer Musik oder um die Stiftung einer vermeintlich antideutschen Identität.


Anmerkungen:
(1) http://www.welt.de/kultur/article2518024/Zahl-­‐der-­‐Dresden-­‐Toten-­‐viel-­‐niedriger-­‐als-­‐ vermutet.html; http://www.mdr.de/nachrichten/fruehere-­‐ meldungen/5809338.html
(2) Moishe Postone - Nationalsozialismus und Antisemitismus
(3) ebd.
(4) ebd.
(5) Nora Goldbogen: Nationalsozialistische Judenverfolgung in Dresden seit 1938. Dresdner Hefte 45
(6) Victor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten – Tagebücher 1933–1945. Berlin 1995
(7) https://www.airforcehistory.hq.af.mil/PopTopics/dresden.htm
(8) vgl. Kirsch: "Antisemitismus in der radikalen Linken nach 1945"
(9) http://redaktion-bahamas.org/aktuell/Spog23-5-03.html
(10) ebd.  
(11) http://www.stud.uni-­‐ goettingen.de/~liberale/images/themen/wr/flugblatt_abwurf.gif
(12) Zur NSDAP-Krise von 1934: Norbert Frei: Der Führerstaat. 6.Auflage. 2001, S.9 ff
(13) http://www.georg-­‐elser-­‐arbeitskreis.de/texts/ermordung.htm
(14) http://www.georg-­‐elser-­‐arbeitskreis.de/texts/fritze2009.htm
(15) Es ist ebenfalls interessant, in welchem Zusammenhang der einheitliche Volksbegriff verwendet wird, und in welchem nicht!
(16) Beispielsweise der amerikanische Antisemit Norman Finkelstein
(17) Scheit, Gerhard: Antisemitismus in: Streifzüge, Nr.1, 1997, S.7
(18) http://achtermai.at.tf/ ; http://antifaw.blogsport.de/2010/05/04/8-­‐mai-­‐ein-­‐ fest-­‐der-­‐befreiung/
(19) erschienen in Unique, Nr. 6, 2010
(20) Um nur ein Beispiel zu nennen: „Die Kollektivschuldthese verschleiert, dass es die deutschen KapitalistInnen waren, die Hitler finanziert und ausgerüstet haben. Dass die Nazi-Bewegung an die Macht gebracht wurde, um die organisierte ArbeiterInnenbewegung zu zerschlagen.“
* Ein weiteres Argument gegen die Verwendung dieses Begriffes ist die Tatsache, dass sich in Deutschland niemals ein Bürgertum im eigentlichen Sinne gebildet hatte, da eine nur im entferntesten Sinne „bürgerliche Revolution“, wie es sie in den USA, Frankreich und Großbritannien gegeben hat, ausblieb. Dies lässt auch die Herausbildung eines ängstlichen Bürgertums mit einer autoritären Charakterstruktur erklärbar machen.

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