6/10/2010

Hands up for Morten - oder: warum Dänemark die WM in Südafrika für sich entscheiden sollte

Man muss kein Prophet sein, um jetzt schon davon Bescheid zu wissen, dass, egal welche Tragikomödien sich in der internationalen Politik in den nächsten Wochen bis zum 11.7. auch ereignen mögen, das Hauptthema sämtlicher Tageszeitungen von Istanbul bis Bern, von Berlin bis nach Teheran bis nach Südafrika die Fußball-WM 2010 sein wird.
Immer dann, wenn aus sportlichen Wettkämpfen Medienspektakel gemacht werden, immer dann - wie auch schon Ivo Bozic in der ersten Ausgabe den "Berliner Ferngesprächen" bemerkte - wenn die halbe Welt vor dem Fernseher sitzt und plötzlich vorgibt sich für Fußball zu interessieren - unterhält man sich innerhalb seines Freundeskreises gerne darüber "zu wem man denn dieses Jahr eigentlich halte".

Vorab erwähnt: Dass Österreich dieses Jahr nicht teilnimmt - zwar nicht aus freiwilliger Absage wie diesjährlich beim Song Contest - aber immerhin deswegen, weil sich Frankreich und Serbien glücklicherweise als begabtere Fußballmannschaften herausstellten - verschafft mir Genugtuung und stimmt mich durchaus zufrieden.

Spätestens als ich bemerkte, dass man selbst in der aktuellen Jungle-World (22/2010) dem FIFA World Cup 2010 ganze 4 Seiten Aufmerksamkeit schenkte, auf denen den verschiedensten Autoren die Möglichkeit gegeben war ihren langüberlegten Titelwünschen Ausdruck zu verleihen, sah ich mich gezwungen mir ebenfalls ein Urteil darüber zu machen, welcher Nationalmannschaft ich bereits das Vorrundenaus wünschen würde.


Wenn der Comic-Zeichner und Jungle-World Mitarbeiter Andreas Michalke zu wissen glaubt, dass die Deutschen die Einzigen seien, "die Fans anderer Länder sind" - und, dass "wir uns schließlich nicht aussuchen können zu welchem Land wir gehören wollen" musste ich zuerst über seinen ironischen Beitrag herzhaft schmunzeln. Jedoch als sich mir der Anschein erweckte, dass er seine Aussagen durch ein "Als Deutscher nicht für Deutschland zu sein ist total deutsch" ergänzte, zwang sich mir der Verdacht auf, dass er das durchaus ernst meint.
Wie dem auch sei - Deutschland gebürt das Vorrundenaus.
Was dann zur Folge hätte, dass die grenzenlos brutale Fröhlichkeit der Fans, das ebenfalls grenzenlose Verlangen mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen dem "Weltmeister der Herzen" zuzujubeln schon in den ersten Wochen ein Ende nimmt.
Magnus Klaue wünscht sich zusätzlich noch, dass "alle anderen Mannschaften, die kollektive Begeisterungsstürme, vulgärviriles Herumgegröle und sonstiges unzivilisiertes Verhalten provozieren könnten" sich ebenfalls schon sehr früh verabschieden dürfen, so dass noch mehr ein paar wenige Nationen übrigbleiben, die entweder kaum auf der Landkarte zu finden sind, oder/und für die sich "multikulturelle Linksdeutsche" einen Dreck scheren.

Der Pop-Antinationalist Roger Behrens, der seinerzeit durch bizarr anmutendes  Gefasel auf dem Sampler "I can't Relax in Deutschland" auffiel (1) wünscht sich wiederrum, dass die "schlimmste Hauptsache der Welt, die Herrschaft des Kapitals" durch die Fußball-WM nicht ins Vergessen gerät - und wünscht sich Griechenland als Weltmeister, nicht weil sie die Mannschaft "des realexistierenden Bankrottstaates" sei, sondern aufgrund der Philosophen, "die Monty Python 1972 gegen deutsche Philosophen gewinnen ließen".
Manch anderer denkt da schon etwas weiter vorraus und erinnert daran, dass Griechenlands WM-Titel zwar ein Schlag ins Gesicht all derer wäre, "die in den letzten Monaten noch darüber gemault haben, dass 'wir' nun auch noch die 'EU-Verlierer' mitfinanzieren müssten" - Martin Büsser erinnert jedoch ebenfalls daran, dass durch Griechenlands Sieg ebenfalls alle Vorurteile bestätigt werden würden - denn:
Es gibt ja noch diesen Otto Rehhagel, der, wenn auch sympathisch, der deutsche Trainer der Griechen ist.
Somit falle Griechenland ebenfalls weg.
Büsser schlägt zugleich Portugal als Kandidaten vor, da der Trainer Carlos Queiroz "frei von dem Verdacht" stehe, nur mit Hilfe "der starken Euro-Zone" gewinnen zu können - zusätzlich könnte José Sôcrates Portugal als den nächsten Subventionskanditaten vorstellen, "und alles wäre halb so schlimm."
Dieser Vorschlag scheint akzeptabel zu sein, da es scheinbar an Portugal - immerhin eines derjenigen EU-Länder in denen laut einer EU-Studie die antisemitischen Vorfälle ganz im Gegensatz zu England, Spanien und Deutschland fast an einer Hand abzählbar wären - doch nicht allzuviel auszusetzen gäbe und Fußball doch allgemein der höchstangesehene Sport in Portugal zu sein scheint.
Der Großteil der anderen Vorschläge schäumen entweder vor nachvollziehbarer Gleichgültigkeit oder Ratlosigkeit (2) - Ivo Bozic weist zwar daraufhin, dass es "aus guter antideutscher Tradition" Pflicht sei, zu England zu halten, so ganz überzeugend wirkt er dabei jedoch nicht.  Vor allem auf den klugen Konter David Harnarschs weiß er sich nicht anders zu helfen als seinen Kontrahenten als "Kulturbanausen" zu verunplimpfen, der feststellte, dass doch gerade die englischen Hooligans durch ihre "ritualisierten Gewaltorgien" der wochenendliche Beweis dafür wären, dass Fußball ausgerechnet "die gruseligsten Charaktereigenschaften der Menschen" zu Tage fördern würde.

Bleibt noch der Vorschlag Uli Krug's zu erwähnen, der sich als "Nostalgiker" beschreibt, der sich wünschen würde, dass ebenfalls England den WM-Titel holen würde.
Doch dann verweist er auf den Sieg Dänemarks gegen Portugal in der Vorrunde und attestiert ihnen mit ein wenig Glück den Triumph. Zu köstlich wäre seiner Ansicht nach der Gedanke daran, dass der von ihm erhoffte Siegeszug Dänemarks in alle islamischen Ländern der Welt übertragen werden müsste, und es deshalb nichts Angenehmeres gäbe als zu wissen, dass man von Istanbul bis Teheran die Bilder dänischer Fans, die "siegestrunken Fahnen mit dem weißen Kreuz auf rotem Grund schwenken" ertragen müsse, und sich möglicherweise auch ein paar von all denjenigen gläubigen Muslimen, die dem sympathischen Kurt Westergaard an den Hals wollen, in Grund und Boden ärgern und mitansehen müssen wie "Morten Olsen den Sportteil der Jyllands Posten liest".
Die Vorstellung, dass aufgrund der Schwäche Englands durch die Verletzung des Starstürmers Nicklas Bendtner, die Dänen der Welt beweisen könnten, "dass Allah es wohl meint mit denen, die Mohammed karikieren", ruft bei mir jedenfalls Wohlgefallen hervor.



(1) Der Mangel an "logisch stringenten Argumenten", den schon Phillip Lenhard im Artikel "Zurück zum Glück - Eigentlichkeit als Marktvorteil oder: Was ist Deutsch-Pop?" im Bezug auf Behrens' zusammenhangsloses Geschwafel feststellte, äußert sich beispielsweise in Ergüssen wie diesen:
"Die Nation wird zum Leitbild der Kultur, die Kultur wird zur Bühne eines Nationalismus, der als Gesin-nung begriffen werden muss. Popkultur als populäre Kultur gründet in der Gesinnung; sofern die populäre Kultur in Deutschland ihre volkstümliche Wurzel nie abgeschlagen hat, ist die se Gesinnung auch in der deutschen Popkultur immer die deutsche Gesinnung gewesen." (Relax 2005: S. 39)

(2) Als exemplarisches Beispiel sei hier der Vorschlag von Tanja Dückers erwähnt, die sich einen afrikanischen Weltmeister wünsche, weil sich daraufhin "die Nazi-Pappnasen, die in den hiesigen Stadien Dumpfbackiges von sich geben, schwarz ärgern würden".

(3) Alle Zitate - wenn nicht anders angegeben -  aus der aktuellen Ausgabe der Jungle-World -bzw. von hier:

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